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Fatalitäten über Genie-Kinder

Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

 

» … mindestens ein halber Esel«

Der Wiener Autor Friedrich Weissensteiner, promovierter und habilitierter Hofrat, hat seinem Buch über die Gattinnen der Genies ein Buch über die Kinder der Genies folgen lassen, das er im Vorwort ausdrücklich als »keineswegs wissenschaftlich« bezeichnet. In der Tat verzichtet die Publikation in der Regel auf jedwede Angaben bei Zitaten und liest sich flüssig, wie ein Roman (»Die Sonne brannte heiß vom strahlend blauen italienischen Sommerhimmel.«, S. 55). Den Reigen der »Kinder von Genies«, die »schon bei ihrer Geburt stigmatisiert« waren, schlägt der Autor vom Alkoholiker August von Goethe, der »zeitlebens am Gängelband des Vaters hing«, über den drogensüchtigen und im Suizid endenden Klaus Mann und Siegfried Wagner, dem der Autor mangelnde »schöpferische Originalität« unterstellt, zu den sich »freier und selbstbestimmter« entfaltenden Töchtern von Genies: der Schriftstellerin Erika Mann, der Begründerin der Kinderpsychologie Anna Freud und der Bildhauerin Anna Mahler.
 

 

Während der Autor bei diesen Töchtern wenigstens marginal auch auf deren Schaffen eingeht, verzichtet er darauf bei Siegfried Wagner, dem er mit nur 40 Seiten auch weniger Platz einräumt als den anderen Genie-Söhnen. Weissensteiner verzichtet gänzlich darauf, das Werk Siegfried Wagners in seine Betrachtung einfließen zu lassen, dabei wäre dieses in mehrfacher Hinsicht besonders ergiebig für sein Thema, auch hinsichtlich dezidierter Vater-Sohn-Konflikte. Zweifellos sind beispielsweise die für Klaus Mann herausgearbeiteten Suicid-Fragen auch Siegfried Wagner nicht fremd, beginnend mit der frühen Novelle Die Sühnende bis hin zu den Selbstmord-Diskussionen in Sonnenflammen und Der Friedensengel.
 
Die Kapitelüberschrift »Der kompositorische Schattensohn« scheint aus den gegensätzlichen Komponisten-Biographien »Der Sohn« und »Genie im Schatten« gebildet zu sein. Das für seine (In-)Fragestellung der schöpferischen Qualität relevante Siegfried-Wagner-Kompendium bleibt hingegen unbeachtet, wie der »Literaturauswahl« des Buches zu entnehmen ist. Weissensteiners negative Wertung der Werke Siegfried Wagners stützt sich auf die unreflektiert von Zdenko von Kraft übernommene Klassifizierung der Unmodernität. Die offenbar hieraus abgeleitete Behauptung »Sein Schöpfertum blieb der Vergangenheit verhaftet, es war anachronistisch« (S. 59) ist unhaltbar.
 
Wieder einmal sollen (via Hamann) die von Winifred formulierten und mit dem Namen Siegfried Wagner unterschriebenen Briefe an Rosa Eidam als Beweis für Siegfried Wagners Haltung pro Hitler gelten. Jeder Blick ins Spätwerk des Komponisten hätte den Autor – auch ohne Notenkenntnis – vom Gegenteil überzeugen müssen. Schon eine partielle Beschäftigung mit diesem Oeuvre hätte Weissensteiner auch die Unhaltbarkeit seiner These aufgezeigt. Wehklagen über mangelnde Aufführungszahlen, wie man es im einen oder anderen Brief Siegfried Wagners liest, sind ähnlich in den Briefen seiner Zeitgenossen (etwa bei Arnold Schönberg und Franz Schreker) zu finden. Und Weissensteiners Behauptung, »einige seiner späteren Werke kamen gar nicht zur Aufführung« (S. 76) ist heute schlichtweg falsch.
 
Obendrein wurde schlampig recherchiert und lektoriert: aus dem Musiklehrer Ernst von Hausburg wird hier Hausberg, aus  Edward Speyer Edward Spencer (S. 69), die Abbildung der Wiener Erstaufführung des Bärenhäuter wird in der Bildunterschrift zur Uraufführung (S. 73), und wenn von Richard Wagners Brünnhilde die Rede ist, schreibt der Autor von Brunhild (S. 85) und das Literaturverzeichnis nennt Pachl auch als Herausgeber der Cosima-Tagebücher (S. 245).
 
Der von Richard Wagner auch in die Widmung des »Tribschener Idylls« aufgenommene Spitzname Siegfried Wagners stammt Weissensteiners Meinung nach von einer Gouvernante (S. 62). Auf ähnliche Fragwürdigkeiten stößt der Leser gleichwohl auch in anderen Kapiteln, etwa der Behauptung, Ernst Krenek sei ein Jude (S. 211). 
 
Schon in seinen Erinnerungen hat Siegfried Wagner aufgezeigt, dass das deutsche »Dogma«, wonach der »Sohn eines großen Mannes (…) mindestens ein halber Esel, wenn nicht gar ein kompletter Idiot« sein müsse, auf ihn nicht anwendbar ist. Er war eben nicht nur der Sohn Richard Wagners, sondern auch der Enkel Franz Liszts – und auch das ließe sich aus seinem Werk ableiten.

 
PPP

 

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