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Wagner als Lichtgestalt

Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

 

Siegfried Wagner in Eckart Kröplins Wagner-Monographie

[…] Ein eigenes Kapitel erhält auch Siegfried Wagner, der »mit seinen zahlreichen Opern in erheblichem Maße die Kunstszene um die Jahrhundertwende mitbestimmt, Opern, deren poetische, klangliche und visuelle Eigenheiten einen ganz selbständigen Beitrag zu synästhetischen Entwicklungen in jener Zeit darstellten und die, eben auch aus diesen Gründen, in den letzten Jahrzehnten wieder zunehmend in den Fokus öffentlichen Kunstinteresses gerieten.«1)
 

 

Ulrich Schreibers knapp dreiseitiger Betrachtung dieses Komponisten und dessen »Formulierung von ‚durchschlagender Harmlosigkeit'« tritt Kröplin mit gewichtigen Argumenten entgegen: Siegfried Wagner habe »in Harmonik und Melodiebildung … neueste Entwicklungen« aufgegriffen, »bis hin zu impressionistischen und auch, an der Grenze zur Atonalität und Zwölftonmusik stehenden, expressionistischen Klangcharakteristika. In einem späten Werk … tauchen 1922 beispielsweise, zeitgleich zu Schönbergs dodekaphonischen Studien, zwölftönig geprägte, panchromatische Strukturen auf. Und die synästhetischen Komponenten seiner Partituren in ihren poetischen und malerisch-farblichen Dimensionen zielten in oftmals bestürzender Weise auf sozialpsychologische Probleme und Wirrnisse seiner Zeit. Der Volksoperncharakter des Bärenhäuter verlor sich zunehmend, wurde verdrängt von Elementen tiefenpsychologischer Abgründigkeit und märchenhafter Abseitigkeit. Die Themen seiner Opern entsprachen immer weniger der Mode der Zeit, und die Musik hob ab in Regionen des Irrationalen, in Bereiche harmonischer Gebrochenheit und schillernder Vieldeutigkeit.«2)

Wie Gustav Mahler, so sei auch Siegfried Wagner »ein ‚Unzeitgemäßer', dem zu Lebzeiten große Publikumserfolge selten beschieden waren«:

    Der frühe große Erfolg mit dem Bärenhäuter (den auch Mahler wenige Wochen nach der Uraufführung an der Wiener Hofoper inszenierte und dirigierte) verringerte sich bei jedem nachfolgenden Werk. Die Erfolgsquote tendierte entgegengesetzt zur wachsenden künstlerischen Eigenständigkeit des Komponisten, die sich mehr und mehr als Querständigkeit gegenüber einfacher Popularitätshascherei offenbarte.3)


Siegfried Wagners Oper Schwarzschwanenreich klassifiziert Kröplin als »ein schmerzvoll klingendes Menetekel der Zeit. Musik und Märchensujet gerieten hier in ihrer Symbolik zum unerwarteten Gleichnis auf das Zeitgeschehen.«4) Kröplin attestiert Siegfried Wagners Synästhesien Mehrdimensionalität. In seinen Opern herrsche eine »Augen-Dramaturgie«, als ein »Phänomen des Augenmenschen, die psychische Fähigkeit also, sich durch das Auge mitzuteilen, gar beherrschend auf Andere zu wirken«5) und – mit Bezug zu Sigmund Freuds 1899 erschienener »Traumdeutung« – eine »Traum-Dramaturgie«6).

In seinen Partituren seien
 

    bestimmte Harmonien und Melodien zu einer Metaphorik verwoben, die sich in stets verändertem Farbenspiel (instrumentatorische, dynamische und chromatische Abwandlungen) als synästhetisches Zeichensystem von Siegfried Wagners Klangwelt zu erkennen geben. In dieser so sich darstellenden Tonarten- und Klangsymbolik kann man mit Fug und Recht auch einen ganz persönlichen, biographisch bestimmten Zug aufspüren. Der jovial und weltbürgerlich nach außen hin sich immer wieder präsentierende Komponist verbarg und enthüllte zugleich in der Doppelbödigkeit und Abgründigkeit seiner Partituren doch auch eine Nachtseite seiner eigenen Natur, deren Geheimhaltung einerseits und Offenlegung andererseits nur so in der gebotenen Sensibilität und Zurückhaltung möglich war.7)


Kröplin kommt zu dem Schluss:
 

    Zwölftönige Thematisierungen wie Liszt sie in seiner Faust-Sinfonie angewandt hatte und wie sie auch Strauss dann im Zarathustra ausprobierte, wurden für Siegfried Wagner zu einem, seit der Sehnsucht, immer auffälligeren Stilmerkmal, das schließlich in Rainulf und Adelasia … zeitgleich mit der Ausprägung der Dodekaphonie bei Arnold Schönberg – in fast schon dominanter Weise hervortrat.


Auch wenn dieser »Synästhesie ‚über Raum und Zeit hinweg' als ‚Traumgebäude' zu Lebzeiten des Komponisten … folgenreiche Wirkung verwehrt« geblieben sie, so sei »heutzutage dahin um so mehr ein unverstellter Zugang möglich, gerade auch wegen der so sich darstellenden großen Illusion (die doch als Vision zugleich verstanden sein wollte), Harmonien aus ‚grellen Disharmonien' zu gewinnen.«8)

[…]

Erwähnung findet Paul Klee (der auch bei der skandalauslösenden Uraufführung von Siegfried Wagners Herzog Wildfang in München zugegen war) Matisse und Russolos Geräuschkunst (die wiederum in Siegfried Wagners Banadietrich Eingang gefunden hat). […]

Anmerkungen

    1) Eckart Kröplin, Synästhesien, S. 1214.
    2) a.a.O., S. 1216..
    3) a.a.O., S. 1217.
    4) a.a.O., S. 1218.
    5) a.a.O., S. 1222.
    6) a.a.O., S. 1224.
    7) a.a.O., S. 1233.
    8) a.a.O., S. 1234.
     

Peter P. Pachl
 


Eckart Kröplin, Richard Wagner – Musik aus Licht, Syn­ästhesien von der Romantik bis zur Moderne, Eine Dokumentardarstellung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2011. 1984 Seiten (plus 4 mal XVII Seiten Inhaltsverzeichnisse) in 3 Teilen (4 Bänden). ISBN 978-3-8260-4449-6

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